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1.
Einleitung
Wenn heute in der Öffentlichkeit von
Astronomie und von Sternwarten die Rede ist, denkt man immer wieder
an die großen wissenschaftlichen Einrichtungen, welche die riesigen
astronomischen Spiegel beherbergen, die fernab der
"Lichtverschmutzung" auf hohen Bergen, oberhalb der Staub- und
Dunstglocke unserer Städte einen ungetrübten Blick ins Universum
haben. Oder es wird von dem ehrgeizigen Projekt "Hubble -
Teleskop" im Weltraum gesprochen, das ohne die störende Atmosphäre,
rund um die Uhr, seine Arbeit verrichten kann.
Alle diese Großgeräte dienen ausschließlich
wissenschaftlichen Zwecken und stehen daher nur dem kleinen Kreis
der Berufsastronomen zur Verfügung.
Einem aufmerksamen Beobachter fallen aber
sicherlich hin und wieder kleinere astronomische Kuppeln auf, die in
der Nähe von Städten oder auch innerhalb der Städte zu finden
sind. In den meisten Fällen handelt es sich hier um Volks-,
Schul-, Privat-, oder Vereinssternwarten, zu denen Laien und
Amateurastronomen Zutritt haben, um sich im Bereich der Astronomie
weiterzubilden, oder ihrem Hobby nachgehen zu können.
Eine solche Sternwarte, die der
Pflege und der Förderung der volkstümlichen Astronomie dienen soll,
ist in ihren Grundzügen in den Jahren 1991 und `92 an der Kopernikusschule in
Freigericht entstanden. Im Rahmen des Neubaus der
Naturwissenschaften konnten die baulichen Maßnahmen vom
Main-Kinzig-Kreis finanziert und durchgeführt werden.
2. Die Lage
Die Gemeinde Freigericht liegt ca. 20 Km
östlich von Hanau und ca. 10 Km südlich von Gelnhausen am Westrand
des Spessarts. Die Koordinaten der Sternwarte sind:
50°08´20" nördliche Breite, 9°07´38" östliche Länge auf einer Höhe
von 185 m ü NN. Von der geographischen Lage her, mit dem
Einzugsgebiet östliches Rhein-Main-Gebiet und Aschaffenburg, sowie
den Beobachtungsbedingungen, ist es ein attraktiver Standort.
Die Hauptbeobachtungsrichtungen
Süden und Osten werden im wesentlichen durch die schwächer
besiedelten und bewaldeten Regionen des Spessarts bestimmt, wodurch
Beobachtungen an noch dunklem Nachthimmel durchgeführt werden
können. Die Beobachtungsrichtungen im Westen sind nur bedingt
geeignet, da das nahe Rhein-Main-Gebiet eine deutliche
Himmelsaufhellung verursacht. Wird in südlicher oder östlicher
Richtung beobachtet, fällt ein für unsere Breiten recht gutes
"Seeing" auf. Unter "Seeing" verstehen die Astronomen die
Luftruhe, die notwendig ist, um eng beieinander liegende Sterne oder
Einzelheiten auf Mond und den Planeten zu erkennen. Die
Luftruhe in den Hauptbeobachtungsrichtungen ist hin und wieder so
gut, daß zum Beispiel am Saturnring neben der Cassini-Teilung noch
die Encke-Teilung wahrgenommen werden kann.
3. Die
Sternwarte
Die Sternwarte selbst besteht aus
einer doppelschaligen GFK Kuppel mit einem Durchmesser von 5
Metern. Für Geräte, die durch Amateure betrieben werden können
und noch finanzierbar sind, wäre ein Kuppeldurchmesser von 4 Meter
vollkommen ausreichend gewesen. Da aber hier für größere
Gruppen geplant wurde, fiel die Entscheidung auf eine 5 Meter
Kuppel, sodaß durchaus 10-15 Personen im Inneren der Kuppel Platz
finden.
Die Kuppel steht auf einer kleinen
Beobachtungsplattform von etwa 8 x 9 Metern, die für kleinere,
transportable Geräte und für die Beobachtung von Sternbildern
genutzt werden kann. Da die große Beobachtungskuppel mitten
auf der Plattform steht, und diese Plattform gleichzeitig die Decke
des darunter befindlichen Seminarraums ist, wurden besondere
Maßnahmen ergriffen, um die astronomischen Geräte in der Kuppel
stabil und schwingungsfrei montieren zu können. Unterhalb der
Decke ist ein 40x50 cm starker Stahlbetonträger eingebaut, der nur
auf den tragenden Wänden aufliegt und keinen Kontakt mit der Decke
hat. Durch einen Durchbruch in der Decke stehen die Geräte mit
Montierung und Säule auf diesem Träger und sind damit vollkommen von
den Schwingungen der Decke und der sich drehenden Kuppel
entkoppelt.
Da die Sternwarte von schuleigenen
und schulfremden Gruppen, natürlich meist nachts, besucht wird,
wurde für die Sternwarte ein eigener Zugang über eine außenliegende
Wendeltreppe geschaffen. Über diese gelangt man auf die
Beobachtungsplattform mit Kuppel und in den Seminarraum unterhalb
der Kuppel, an den noch ein kleines Fotolabor und ein WC
angeschlossen sind.
Abb. 1: Teilansicht des
naturwissenschaftlichen Neubaus mit der Kuppel, der
Beobachtungsplattform und dem darunter liegenden Seminarraum.
Rechts am Gebäude ist der Aufgang zu erkennen.
4. Die Geräte
Das Hauptinstrument der Sternwarte ist ein Refraktor
(Linsenteleskop) der Fa. Astro Physics mit einem dreilinsigen
apochromatischen Objektiv einer Öffnung von 7" und einer Brennweite
von 1600 mm. Daraus ergibt sich ein Öffnungsverhältnis von 1:9,
was für einen Apochromaten dieser Qualität angemessen ist. Für
die Entscheidung, einen Refraktor für die Sternwarte anzuschaffen
wurden im Wesentlichen zwei Gründe angeführt:
1. Spiegelteleskope mit ähnlichen Öffnungen sind
in ihrer Baulänge meist deutlich kürzer. Der Preis ist
wesentlich geringer, die optischen Abbildungseigenschaften sind aber
auch schlechter. Auf Grund des niedrigen Preises und ihrer
Abmaße, fallen diese Geräte in die Kategorie der transportablen
Fernrohre und sind daher bei Amateuren weit verbreitet. An der
Sternwarte sollte ein Fernrohr aufgestellt werden, was sich
gegenüber den üblichen Amateurgeräten heraushebt.
2. Ein Linsenteleskop ist im Gegensatz zum
Spiegelteleskop über Jahrzehnte praktisch wartungsfrei und nimmt im
Laufe der Jahre eher an Wert zu, wenn es sich, wie in diesem Fall,
um ein Spitzengerät in seiner Klasse handelt.
Der 7" Refraktor wurde von der "Deutschen
Physikalischen Gesellschaft" (DPG) gestiftet, wofür wir uns als
Benutzer dieses hervorragenden Gerätes an dieser Stelle nochmals
ganz herzlich bedanken möchten.
Als zweites Fernrohr wird ein Newton-Reflektor mit
einer Öffnung von 150 mm und einer Brennweite von 750 mm der Fa.
Heidenhein betrieben. Mit dem Öffnungsverhältnis von 1:5 ist
dieses Gerät bei kürzeren Belichtungszeiten sehr gut für den
fotografischen Einsatz geeignet.
Erfreulicherweise konnte die Ausstattung der
Sternwarte und des Astronomischen Arbeitskreises in den vergangenen
Jahren um ein Dobsongerät, einen kleineren Refraktor, sowie einen
kleineres russisches Spiegelteleskop erweitert werden. Diese Geräte
finden insbesondere Einsatz bei öffentlichen Veranstaltungen, bei
Arbeiten der Schüler und bei
Exkursionen.
Das Zubehör erstreckt sich
neben den üblichen Okularen mit Binokular und einer fotografischen
Ausrüstung auf einen
Protuberanzenansatz und hochwertige Objektivsonnenfilter, mit denen
Sonnenbeobachtungen durchgeführt werden. Ein weiteres Zubehör
ist ein Spektrograph, mit dem über eine Spiegeloptik und einem 55x55
mm2 großen Reflexionsgitter eine Auflösung von unter 0,3 nm
erreicht werden kann.
Die beiden Fernrohre werden gemeinsam
von einer schweren "Deutschen Montierung", 7 AD der Fa. Alt,
getragen. Diese Montierung ist mit Hochgenauigkeitslagern und
geschliffenen Schnecken ausgestattet. Die Nachführung ist so
exakt, dass astrofotografische Aufnahmen
im Primärfokus des Refraktors, auch über eine Stunde, mühelos
durchgeführt werden können.
Abb. 2: 7" Refraktor der DPG und
6" Newton auf der 7 AD Montierung
5. Die Arbeitsgebiete
Im Wesentlichen wird die
Sternwarte von drei Gruppen, der Kopernikusschule, der
Volkshochschule Main-Kinzig und dem Astronomischen Arbeitskreis
Freigericht e.V., genutzt. Darüber hinaus bieten die Schule
und der Astronomische Arbeitskreis gemeinsam einmal im Monat eine
öffentliche Führung an, die jeweils in den regionalen Zeitungen
vorher angekündigt wird. Die Kopernikusschule selbst
stellt das größte Benutzerpotential dar, da diese als mit ca.
2000 Schülern schon seit vielen Jahren Astronomie als
Wahlpflichtfach und als freiwillige AG durchführt. Durch den
Rang als Europaschule findet hier zusätzlich ein reger Austausch von
Schülern und Lehrern aus den verschiedenen europäischen Ländern
statt, der zu einem gesteigerten Angebot an Lehrveranstaltungen
führt, in das auch die Sternwarte eingebunden ist. In den
Klassen 9 u. 10 werden die Schüler im Wahlpflichtunterricht mit dem
Umgang des Refraktors und der Kleinteleskope vertraut gemacht. Ein
Schwerpunkt dieses Unterrichts stellt die möglichst regelmäßige
Sonnenbeobachtung dar. Die praktische Ermittlung der
Rotationsdauer und die Beobachtung und Positionsbestimmung der
Sonnenflecken werden hier am Refraktor erfolgreich
durchgeführt. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Mondfotografie
in Fokal- und Okularprojektion. Auch im Bereich der Deep Sky
Fotografie wurden schon beachtliche Erfolge erzielt. Weitere
Themen im Unterricht sind der Bau von Sonnenuhren. Im unteren
Sekundarstufenbereich werden die Unterrichtsthemen "Sonne",
"Himmelsmechanik und Astronomie" angeboten, wobei auch hier die
Geräte der Sternwarte zum Einsatz kommen.
Einen tragenden Pfeiler der
astronomischen Tätigkeit bildet die Astro AG der Kopernikusschule
unter der Leitung von Herrn Oberstudienrat Michael Pieke, der die
Sternwarte hauptverantwortlich betreut. In dieser Gruppe finden sich
Schüler aus allen Jahrgängen ( Klasse 5 - Kl. 13 ) zusammen, die in
gemeinschaftlicher Arbeit astronomische Projekte bearbeiten. Auch
außerschulische Aktivitäten, mehrtägige Exkursionen, standen schon
auf dem Arbeitsplan. Insbesondere dann arbeitete die Gruppe
öffentlichkeitswirksam wenn sich besondere astronomische Ereignisse
ankündigten, wie Finsternisse oder
Kometenbeobachtungen.
Jährlich angebotene Volkshochschulkurse,
insbesondere im Winersemester erfreuen sich einer interessierten
Zuhörerschaft und sind in der Regel gut besucht. Die Kurse werden
von der Volkshochschule Gelnhausen unter der Leitung von Herrn M.
Pieke angeboten.
Der "Astronomische Arbeitskreis" gründete sich Ende
1991 während der Bauphase der Sternwarte. Zur Zeit gehören
diesem Verein über 50 Mitglieder an, von denen etwa die Hälfte die
Amateurastronomie aktiv betreiben. Ein kleiner Teil der
Mitglieder war am Aufbau und der Ausrüstung der Sternwarte
maßgeblich beteiligt. Alle regelmäßigen Treffen und viele
Beobachtungsabende finden an der Sternwarte der Kopernikusschule
statt, wobei hier die Nutzung der Geräte immer im Vordergrund
steht. Einen großen Raum nimmt die beobachtende Astronomie ein,
wobei ziemlich alle Objekte des nächtlichen Himmels auf dem Programm
stehen. Mond, Planeten, enge Doppelsterne und Doppelsterne
verschiedener Spektraltypen, offene Sternhaufen und Kugelsternhaufen
zählen zu den Objekten, an denen dieser Refraktor eine Brillanz und
Abbildungsschärfe zeigt, die von Amateurspiegelteleskopen ähnlicher
oder größerer Öffnung bei weitem nicht erreicht
wird. Planetarische und galaktische Nebel sind ebenfalls Ziel
der nächtlichen Suche, wobei einige wenige so lichtstark sind, daß
sich hier die Beobachtung durch den Binokularansatz lohnt. Das
beidäugige Beobachten der Planeten, des Mondes, der Sternhaufen und
der helleren Nebel, ist durch dieses Gerät ein Erlebnis, da hier ein
räumlicher Eindruck entsteht und so die Objekte vor einem im Raum zu
schweben scheinen und die Sternhaufen deutlich eine räumliche Tiefe
erhalten. Schwache Nebel und viele nahe Galaxien sind mit dem
7-zöller durchaus erreichbar, wobei bei diesen Objekten das Gerät
auf Grund seiner Öffnung bald an seine Grenzen stößt. Wo
die visuelle Astronomie auf Grund der geringen Helligkeit der
Objekte an Ihre Grenzen stößt, eröffnet sich aber das weite Feld der
Astrofotografie. Dieses Arbeitsgebiet wird von fast allen der
Aktiven, zum Teil mit großem Fleiß betrieben. Durch die
absolut präzise arbeitende, schwere Montierung, sind Fotografien im
Primärfokus der Fernrohre mit zusätzliche parallel montierten
Kameras auch über lange Belichtungszeiten möglich. Die
Nachführkontrolle geschieht manuell über eine Zusatzoptik und ist
bei dieser Montierung unkritisch. Es werden Schwarzweißfilme,
Farbdiafilme und Farbnegativfilme im Kleinbildformat eingesetzt. Die
Entwicklung des Filmmaterials kann im schuleigenen Fotolabor selbst
durchgeführt werden.
6. Ausblicke
Ein weiteres interessantes Betätigungsfeld
eröffnet sich mit dem Bereich der CCD - Astronomie, bei dem
lichtschwache kosmische Objekte mit einer CCD Kamera aufgezeichnet
werden. Bildinformationen von helleren Objekten können dann
online auf einen Monitor im Seminarraum unterhalb der Kuppel
übertragen werden. Einmal durch eine CCD Kamera aufgenommene
Objekte, vor allem die lichtschwachen, lassen sich später in einem
Rechner verarbeiten. Intelligente CCD Kameras sind darüber
hinaus in der Lage, die Nachführkontrolle der Montierung speziell
bei langen Belichtungszeiten in der Astrofotografie zu
übernehmen. Die Schule, sowie einige unserer Mitglieder
arbeiten mittlerweile mit CCD Kameras als Nachführhilfe oder auch
als Bildaufzeichnungsgerät. Mittlerweile nimmt die
digitale Fotografie in der Astronomie einen immer gewichtigeren
Platz ein, wozu auch das Arbeiten mit Computer und
Bildbearbeitungsprogrammen gehört. Leider erschwert
allerdings die stetig zunehmende Lichtverschmutzung im Umkreis der
Sternwarte die Gewinnung hochwertiger Astroaufnahmen in immer
höherem Maße.
Die regelmäßigen Nutzung der Sternwarte für
schulische Zwecke, die intensiven Nutzung der Sternwarte durch den
"Astronomischen Arbeitskreis", die Kurse der Volkshochschule und
nicht zuletzt die vielen hundert Besucher pro Jahr der öffentlichen
Abende und der Führungen zeigen, dass die Sternwarte in der Zeit
seit der Gründung die Begeisterung ihrer Liebhaber und das Interesse
an Astronomie in der Bevölkerung geweckt hat. Mit dieser
Sternwarte ist damit eine gut genutzte und sinnvolle Einrichtung
entstanden, welche die volkstümliche Astronomie fördert, indem sie
astronomisches Wissen verbreitet, astrologischen und
pseudo-wissenschaftlichen Irrlehren widerspricht und an der
Verbesserung der astronomischen Schulbildung mitwirkt.
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